Pristina as it is

Ich möchte unbedingt auf diese Liebeserklärung auf Pristina hinweisen, die ich im sehr lesenswerten Kosovo 2.0 gefunden habe. Verfasst hat sie Irmin Vandermejiden:

My Prishtina
Prishtina. Where the crows own the trees, and the dogs own the streets.

Where you would not dare to offend a taxi driver by wearing a seatbelt. Where the spinach burek is the most popular, but nobody ever sells it. Where the streets turn brown as soon as it snows. Where people pull a sad face, while saying that your proposal is ’no problem at all,‘ after which you should definitely drop the plan. Where Tuesday is like Friday and Friday is like Wednesday.

Prishtina, where everybody notices that you have left abroad. Where it is safer to smoke a pack of Marlboros a day than to go to the hospital. Where development is blocked by the need for institutions that support development. Where directors own clubs and musicians own bars. Where your landlord decides if you can wear shoes inside your house or not.

Prishtina, where the sluttiest girls are most likely to be virgins. Where you need your friends help to get a date, and where your friends are your most potential lovers. Where you joke about your friends‘ mothers even though you don’t really know them, while jokes about their sisters are strictly forbidden, even though you know them very well. Where you get married in order to have a better sex life. Where guys hold hands and being gay is a disaster.

Prishtina, where the police takes your illegally parked car to Fushe Kosova, in order to make you pay the fine because they know you would never pay the ticket voluntarily. Where you renew your internet subscription each month in cash, because the company knows that you would never pay your bills voluntarily. Where the river flows under the streets, and is only to be seen in black and white pictures from long ago.

Prishtina, where being famous is the same as having many friends. Where the nicest park is fenced to be reserved for politicians. Where Muslims celebrate Christmas, and one of the largest new buildings in the city is a cathedral. Where you work six days a week in a coffee bar, just to be able to pay for your coffees on the seventh day. Prishtina, where it is both a curse and a blessing to be an international. Prishtina, where friendship is everything.

That’s where I live, in a flat with a balcony. In a room with a rug, a kitchen and a bed. That’s where I will cook dinners with good friends, while we talk about things we have also talked about last week. It is the city where I am happy to fall asleep in every night, to be woken up too early. By the singing of the hoxhas.

(Quelle)

Das ganze erinnert mich an das Joseph-Roth-Zitat über Berlin, das in unserer Küche in der Sonnenburger Strasse hing. Ich krieg’s aber nicht mehr zusammen, Google ist auch keine besondere Hilfe. Kann mir eventuell jemand weiterhelfen?

Winter in Kosovo

Man sagt ja immer, dass das schöne am Winter hier ist, dass man unterm Schnee den Müll nicht sieht. Wie auch immer, nett sieht’s aus…

Man sieht die schneebedeckten Berge…

Und die Vögel sind trotzdem noch da…

Naja, hauptsache, es qualmt in Obiliq, denn dann gibt’s Strom!

ECLO für die Menschen

Ich bin mir ja manchmal nicht so ganz über das Ausmaß der Arbeit des European Commission Liaison Office to Kosovo im Klaren, aber seit ich weiß, dass sie in Prizren Fahrradständer und Uhren sponsorn, bin ich da wieder recht beruhigt, dass mit dem Geld kein Unfug getrieben wird. Zumal Fahrradfahren dieses Jahr grad ganz groß in Mode kommt.

„Tue Gutes und rede darüber“

Brezovica – Prizren – Rahovec

So, gab ja lange keine Fotos mehr hier. Aber im Heimaturlaub gab’s ne neue Kamera und jetzt kanns weitergehen.

Heute war ja eigentlich mal wieder so ein Tag, wo in Kosovo alles, was eine Uniform hat, in Bereitschaft stand, weil der neue Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche in Peja Inthronisiert wurde. Und nach den gewaltsamen Zwischenfällen vor 3 Wochen anlässlich der Halbfinal-Niederlage Serbiens bei der Basketball-WM kann man ja nie wissen… Scheint aber alles weitestgehend ruhig verlaufen zu sein.

Deshalb jetzt mal die Fotos vom letzten Ausflug:

Zunächst gings nach Brezovica, eine serbische Enklave im Süden Kosovos, im Winter ein großes Skisportzentrum. Ich hab mir aber sagen lassen, mit eher anspruchsvollen Pisten. Ohne Schnee allerdings nur schwer vorstellbar.

Nächster Stopp, zum Mittagessen, im Hotel Sharri. Das Essen war zwar eher mittelmäßig, dafür ist die Aussicht atemberaubend, hinter den Bergen (bis zu 2500m hoch) befindet sich auch schon Mazedonien.
In der Rückschau hab ich allerdings festgestellt, dass ich vor lauter Ausblick das Fotografieren vergessen habe. Ihr müsst mir also einfach glauben.

Nächster Programmpunkt: Kultur. Es sollte eine umfangreiche Stadtführung in Prizren geben, aber weil wir irgendwie schlecht in der Zeit lagen, gabs nur eine Führung durch das Haus der Liga von Prizren, also quasi dem Ort, wo vor über 100 Jahren der albanische Nationalgedanke geboren wurde. Dort war’s sehr interessant, aber natürlich auch ideologisch aufgeladen. Nur leider hatten wir eben zu wenig Zeit, weil der nächste und letzte Programmpunkt anstand:

Die Besichtigung der Stone Castle Kellerei in Rahovec. Natürlich auch mit Verkostung am Ende. Die Weine sind erstaunlich gut, allerdings meiner Meinung nach auch keine Spitzenklasse. Aber lecker eben. Und Stone Castle stellt auch meinen Lieblings-Raki her. (Kurzer Exkurs: der albanische „Raki“ darf nicht mit dem türkischen Anisschnaps gleichen Namens verwechselt werden. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen im ehem. Jugoslawien sehr verbreiteten Obstbrand, in Kosovo hauptsächlich aus Trauben gewonnen. Die kroatische Pflaumen-Variante „Slivovicz“ ist vielleicht am bekanntesten). Am aller-allerfeinsten hat aber der 24 Jahre alte Raki geschmeckt, den wir dort vor Ort probieren durften. Da es dort im Fabrikverkauf noch ein paar Stone-Castle-Weine gab, die ich bisher noch nicht im Laden gesehen habe, hab ich mir natürlich auch den Rucksack mit Flaschen vollgepackt. Freu mich schon auf „Vranac Premium“ und „Rheinriesling“. Nach Vollzug werde ich berichten.

Nach einer ziemlich rumpeligen Fahrt sind wir dann abends alle glücklich und zufrieden zuhause in Prishtina angekommen.

(Wer übrigens in Berlin mal Lust auf guten Wein mit kompetenter Beratung hat, dem sei die Weinhandlung Sonnenreich am Arnimplatz ans Herz gelegt – ich konnte grad im Urlaub wieder mal feststellen, wie herrlich entspannt man dort doch die Dinge angeht. Stone Castle gibts da allerdings nicht.)

Wie erklärt man einen Krieg?

Wer die letzten Einträge hier verfolgt hat, mag sich wundern: Es bedurfte nur einer dpa-Meldung, schon ist es in allen möglichen Medien (u.a. ZEIT, Bild, n-tv, FR, Handelsblatt) zu lesen: Serbien fühlt sich von Kosovo bedroht, sieht sogar eine Kriegsdrohung.

Was ist passiert? Nun, Nordkosovo mal wieder… hauptsächlich von Kosovo-Serben bewohnt, werden hier die kosovarischen staatlichen Institutionen nicht von der Bevölkerung anerkannt, man sieht sich hier grundsätzlich von Serbien verwaltet (ich empfehle hierzu übrigens mal „Parallelstrukturen in Kosovo“ zu googeln, interessantes Thema für Völker- und Staatsrechtler…). Bei der Eröffnung einer kosovarischen Regierungskanzlei (die ungefähr die Funktionsweise eines Standesamts hat) im Norden Mitrovicas kam es zu Protesten, da dies als Vordringen der „albanischen“ Institutionen in des „serbische“ Gebiet angesehen wurde. Kosovarische Gerichte sollen übrigens folgen, auch sollen Wahlen orgnisiert werden. Fakt ist natürlich, dass auch der Norden Kosovos zur Republik Kosovo gehört, folglich muss man dort auch Zugang zu kosovarischen Regierungsinstitutionen gewährleisten. Diese zwei Ansichten bekommt man wohl zweieinhalb Jahre nach der (einseitigen) Unabhängigkeitserklärung immer noch nicht zusammen.

Deshalb beschloß die kosovarische Regierung, in eben diesen Norden ihrer Republik Polizei-Sondereinheiten zu entsenden, um einerseits zu verhindern, dass diese Proteste eskalieren, andererseits ebendiese Institutionen (und Ihre Beamten) zu schützen. (Dies geschieht natürlich in Absprache mit EULEX, die Kosovo bei der Sicherheitsarbeit unterstützen, auch werden sowohl kosovoalbanische wie auch kosovoserbische Polizisten eingesetzt).

Das war’s im Grunde schon, ich kann noch nicht ganz die Kriegserklärung entdecken (ähnliches passiert in Berlin ja auch irgendwie an jedem 1.Mai). Kriegserklärungen gabs hier in der Region nun wirklich schon deutlichere.

Aber wie ich schonmal sagte, man weiß nie genau, welcher Funke hier auf dem Balkan der zündende ist, aber im Vorfeld des IGH-Urteils werden wieder mal jede Menge verbale Säbel geschwungen. Wollen wir’s zumindest mal hoffen.

Bridge over troubled water - Ibar-Brücke in Mitrovica

Srebrenica, 11.07.1995

Liebe Leser, bevor der heutige Sonntag wie so oft nur vergammelt wird, könnte man sich auch mal wieder ein bisschen mit der Geschichte beschäftigen. Vor 15 Jahren, als ich also anfing, die politische Welt intensiver wahrzunehmen (auch wenn man nach 2 Jahren Jugoslawienkrieg schon wieder anfing, die Meldungen gar nicht mehr genau anzuhören), passierte das schwerste Kriegverbrechen in Europa nach 1945, nämlich das Massaker von Sreberenica. Bzw. es begann am 11.7., in seinem vollen Ausmaß zog es sich über mehrere Tage hin. Insgesamt wurde über 8000 Bosniaken getötet.

Bevor ich mich in historischen Ungenauigkeiten verliere, möchte ich doch lieber den recht umfangreichen Wiki-Artikel hierzu empfehlen, der sich relativ gut an die belegten bzw. vom UN-Kriegsverbrechertribunal erkannten Befunde hält.

Es schadet vielleicht nicht, sich mal ein paar Minuten Zeit zu nehmen, die jüngere Geschichte zu studieren, vor allem, wenn ein Name bei uns so ein tief hallendes Echo auslöst, man es aber bisher kaum mit Fakten füllen kann. Natürlich wird es auch Gedenkveranstaltungen geben, es werden z.B. als zentrale Veranstaltung 775 Särge von Opfern beigesetzt werden, die 15 Jahre nach dem Massaker (!) aus Massengräbern identifiziert wurden. Also vielleicht auch mal heute etwas aufmerksamer die Fernsehnachrichten schauen, wenn da neben dem Fußball-WM-Finale noch ein bisschen Platz für kleine Meldungen aus aller Welt bleibt.

Wie sich seit dem Bosnien-Krieg die Situation der IDP (Internally Displaced Persons – Binnenflüchtlinge) entwickelt (oder auch nicht) hat, kann man in einem guten Foto-Essay bei Foreign Policy sehen. Des Weiteren: z.B. der Tagesspiegel. Dass ein großer Teil der Verantwortlichen für diesen Völkermord noch keiner Strafe zugeführt wurde, sei nur noch am Rande erwähnt.

In diesem Sinne: Schönen Sonntag!

Gebietstausch

So, als kleines Update zum letzten Post: Wie die serbische Zeitung Blic berichtet, will Serbien demnächst einen Gebietstausch anbieten: Den serbisch bewohnten Norden Kosovos gegen das hauptsächlich albanisch bevölkerte Presevo-Tal im Süden Serbiens, an der Grenze zu Kosovo und Mazedonien. (Zuletzt war dies noch heftigst dementiert worden.)

Diese Initiative beinhalte auch, dass die mittelalterlichen serbischen Klöster im Kosovo unter international kontrollierte Verwaltung der Serbisch-Orthodoxen Kirche gestellt werden. Als Gegenleistung will Serbien Kosovo die bisher verweigerte Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen ermöglichen. (via) [Obwohl natürlich nicht Serbien alleine über den UN-Sitz zu entscheiden hat, man müsste unter anderem auch noch mit Russland und China sprechen.]

Mit diesem Vorschlag will Serbiens Präsident Boris Tadic offenbar nach Verkündung des IGH-Gerichtsurteils zur Unabhängigkeit Kosovos anfangen, bei EU, Nato und UN lobbyieren. Demgegenüber lehnte der Regierungschef des Kosovos, Hashim Thaci, jede neue Verhandlung über den staatsrechtlichen Status ab: „Das Thema ist ein für alle Mal abgeschlossen“, zitierten ihn die Zeitungen in Pristina. (via) Und das ist vermutlich das Schlauste, was er machen kann. Jetzt schon wieder an den Grenzen rumzudoktorn wäre bestimmt keine gute Idee für das staatssouveräne Selbstbewusstsein Kosovos. Aber Serbien steht natürlich geschickt als kompromissbereiter Verhandler da.

Man müsste dann auch die Flagge neu designen, und das geht ja wohl wirklich zu weit… ;-):

%d Bloggern gefällt das: